Ungarn 1944:
In langen Trecks fahren Pferdefuhrwerke der sogenannten Schwarzmeerdeutschen in Richtung Deutschland.
Jedes Mal waren die gleichen Siegermächte nur allzu gerne behilflich, um ihr denkbar Möglichstes zur Schwächung des verruchten Deutschlands zu geben. Auch vor diesem Aspekt ist Joachim Nolywaika zuzustimmen, wenn er schreibt, dass die deutsche Bundesregierung im Leben nicht den deutsch-polnischen Grenzvertrag vom 14. November 1990 hätte abschließen dürfen. Denn damit sanktionierte und legalisierte sie nachträglich das an dem 1945 besiegten Deutschland begangene Unrecht, dessen Nutznießer Polen war und ist.(67) Dessen irrwitzige Reparationsforderungen von heute beweisen, dass die imperialen Träume Polens aus der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg nicht ausgeträumt sind und es Deutschland ganz offensichtlich nur als Selbstbedienungsladen betrachtet, in dem man sich holen kann, wonach einem gerade der Sinn steht. 17
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67 llbenda.
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10. VOM GENOZIDALEN CHARAKTER DER VERTREIBUNG
Maßgeblich gehören zu einem Genozid die Absichten - wie sämtliche nach 1945 gefundenen und seitdem in Gebrauch befindlichen Formulierungen zeigen - und weniger die doch recht unterschiedlichen Arten von Spontaneität (vgl. hierzu ganz besonders etwa den »spontanen Volkszorn« gegen die Deutschen in der Tschechoslowakei am Ende des Zweiten Weltkriegs) oder kalter Berechnung, von unorganisierter (»wilder«) oder organisierter Tötung. Nach Meinung von Werner Trautmann dürfte es schwer fallen, die Vertreibung einfach als Genozid zu bezeichnen, wiewohl die angestrebte Auslöschung ganzer Volksstämme als historisch gewachsene Einheiten diesem Tatbestand sehr wohl entspricht und außerdem dabei jeder Fünfte dieser Volksstämme ums Leben kam. Mit dem Begriff des Genozids sind wir darüber hinaus geneigt, die totale physische Vernichtung oder Auslöschung eines Volkes zu verbinden. Dies ist nach Trautmann natürlich gleichfalls fragwürdig, weil es dann auch keinen Genozid gegen die Juden gegeben hätte, sondern »einzig« Judentötungen. Die Planung eines derartigen Verbrechens gegen die Menschlichkeit alleine vermag uns mithin - einigermaßen stichhaltige - Erklärungskriterien zu liefern.(68)
Ohne jeden Zweifel steht heute fest, dass die - um es mit einem modernen Terminus zu formulieren - »ethnische Säuberung« Ostdeutschlands von den Deutschen vornehmlich von Exiltschechen »angeregt« und von Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt, in zeitlicher Analogie zu den »Entpolonisierungen« Hitlers und Stalins, langfristig geplant wurde. Ebenso kann nicht bestritten werden, dass diese »Entdeutschung« Ostdeutschlands doch zumindest in einem mittelbaren Zusammenhang mit Genoziden steht.(69)
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68 Werner Trautmann, Tod und Gewalt. Die Vertreibung als völkerrechdiches, poli tisches, ethisches, soziales und geschichtliches Problem, Tübingen 1989, S. 39.
69 Ebenda, S. 39.
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US-amerikanische Kriegszielvorstellungen, die z. T. auf eine biologische Vernichtung des gesamten deutschen Volkes gerichtet waren, reichen sogar bis in die Zeit vor Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg zurück. Hierzu sei im Detail auf die Ausführungen, die ich in meiner Eckartschrift 24870 gemacht habe, verwiesen. Ihnen ist von meiner Seite nichts weiter hinzuzufügen.
Es stellt sich die berechtigte Frage, was all die US-amerikanischen (und natürlich auch britischen) Pläne, wie mit den Deutschen nach deren Niederwerfung zu verfahren sei, mit der Vertreibung zu tun haben. Zunächst einmal ist es jedenfalls so, dass sie die Haltung der US-amerikanischen Besatzungsmacht zur Vertreibung unmittelbar nach Kriegsende erklären. Und zwar von der zeitweilig durchgeführten Schließung aller böhmischen Grenzen bis hin zu dem vollständigen Ausbleiben diplomatischer Schritte der USA gegenüber der Sowjetunion, Polen und der Tschechoslowakei, ja sogar auch nur eines papierenen Protestes in Anbetracht all der Zwangsdeportationen und Vertreibungsverbrechen mit Todesfolge in millionenfacher Höhe.(71)
Wesentliche Ursache für dieses in humanitärer Hinsicht schändliche Verhalten dürften nicht zuletzt die immer stärker auseinanderdriftenden Zielvorstellungen der Besatzungspolitik der USA gewesen sein. Zwar nahm Harry S. Truman (1884-1972), nach dem Tod Franklin D. Roosevelts (12. April 1945) neuer US-Präsident, zur Potsdamer Konferenz Ex-Außenminister Henry L. Stimson (1867-1950) mit, der die Direktive JCS 1067(72) mutig »a painfully negative document«(73) genannt hatte, und nicht — den für seinen Morgenthau-Plan berüchtigten — Henry Morgenthau (1891-1967), woraufhin dieser, schwer verärgert, als US-Finanzminister seinen Hut nahm und als Privatmann mit Gleichgesinnten weiter für eine denkbar harte Behandlung des besiegten Deutschlands agitierte. Zudem lagen die Berichte des früheren US-Prä-
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70 Mario Kandil, Umerziehung. Wie wir Deutschen wurden, wie wir sind (=Eckart-
schrift 248). Wien 2022.
71 Trautmann, a.a.O. (Anm. 68), S. 43.
72 Vgl. dazu Kandil, a.a.O. (Anm. 70), S. 38-40.
73.:Dr.Hein peinlich negatives Schriftstück«.
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sidenten Herbert C. Hoover (1874-1964) — für die Deutschen wäre er besser in diesem Amt geblieben — vor, die die verzweifelte Situation in Nachkriegsdeutschland schilderten und davor warnten, dass daraus die Auslöschung oder Umsiedlung von 25 Millionen Menschen sowie eine ernste Gefährdung der westlichen Zivilisation resultieren könnte.(74) Und selbst Präsident Truman war der Ansicht, dass man nach einem Krieg großmütig sein müsse, statt rachsüchtig zu sein.(75)
Trotzdem ließ sich der starke Einfluss von Anhängern der Morgenthau-Ideologie, die wie ihr Lehrmeister weder vergessen noch verzeihen wollten, auf der Basis der Direktive JCS 1067 nicht so einfach beseitigen. Diese »Rächer« sammelten sich im OMGUS - englisch für: Office of Military Government for Germany (Ü. S.)(76)—, der höchsten Verwaltungseinrichtung der US-Besatzungszone und des US-Sektors von Berlin 1945 bis 1949, und zwar um General D. Eisenhowers (1890—1969) Finanzberater: Bernard Bernstein (1908-1990), früherer Leiter der Rechtsabteilung des US-Finanzministeriums unter Morgenthau und somit ein Garant für die Fortsetzung des harten Kurses gegenüber den zu Aussätzigen erklärten Deutschen. In den Augen der US Army waren diese »Morgenthauboys« im OMGUS die »Chaosboys«, weil sie - im Gegensatz zur Armee - über das Chaos der völlig zerrütteten deutschen Finanzen und Wirtschaft sowie über eine zerstückelte deutsche Gesellschaft zu elementaren Änderungen in Struktur und Charakter der noch übrigen Deutschen gelangen wollten. In dem Streit zwischen diesen beiden Richtungen fiel dem stellvertretenden US-Militärgouverneur in Deutschland, Lucius D. Clay (1898-1978), eine Art Mittlerrolle zu. Und obwohl er ein ernster und strenger Mann war, wollte er doch mit Blick auf den Konflikt mit der UdSSR, den er eher kommen sah als die mit Ideologie überladenen und deshalb blinden »Chaosboys«, mit den Deutschen
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74 Richard Norton Smith, An uncommon man. The triumph of Herbert Hoover, New York 1984, S. 354.
75 Merle Miller, Plain spcaking. An oral biography of Harry S. Truman, New York 1973, S. 257.
76 Dt.: Amt der Militärregierung für Deutschland (Vereinigte Staaten).
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nicht noch härter verfahren und unterlief daher so manche Passage der Direktive JCS 1067.(77)
Diese Bestandsaufnahme erklärt die Augenblickseinstellung der USA im Jahr 1945 zu den Gräueln der »wilden« Vertreibungen. Sie machten dem Ordnungsanliegen der US Army im besiegten Deutschland unerwünschte Probleme, entsprach aber den Morgenthau-Jüngern, den »Chaosboys« im OMGUS, weil so die von diesen erstrebte soziale Umwälzung gefördert wurde. Und diese geographische Setzung eines Schwerpunktes entsprach der ideologischen Überhöhung, die die Morgenthau-Jünger in ihrem fanatischen Kreuzzug gegen Deutschland den Austilgungsabsichten ihres »Gurus« verliehen und die sich in einem ganz besonderen Maße gegen den »Preußen-Mythos« richteten.(78)
Das Schlagwort für diesen Mythos, von dem die damaligen Deutschlandfeinde in der Tat regelrecht besessen waren, wurde durch den Begriff »Verschwörung« geliefert. In der Vergangenheit, von der die hier vorliegende Eckartschrift handelt, wurde Deutschland der Vorwurf der »Verschwörung« erstmals in Zusammenhang mit dem Versailler Diktat gemacht: in der Mantelnote der Alliierten (16. Juni 1919), die als deren Antwort auf die deutschen Gegenvorschläge (29. Mai 1919) zum Friedensvertragsentwurf von Versailles (8. Mai 1919) erfolgt war. Ganz im Sinne von Preußens Tradition und unter dem Einfluss desselben habe das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg »entfesselt« — und hiermit war also bereits zu jener Zeit das Vorwurfsvokabular existent, das später bei dem Nürnberger Tribunal zur Verwendung kommen sollte.(79)
Und schon in der ersten Phase des Zweiten Weltkriegs prägte Robert Vansittart (1881—1957), kompromissloser Anhänger des Britischen Empires und fanatischer Deutschenhasser, als höchster Beamter des britischen Außenmi-
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77 Trautmann, a.a.O. (Anm. 68), S. 43 £
78 Ebenda, S. 44 £
79 Ebenda, S. 45.
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nisteriums (80) und dezidierter Gegner der Politik einer »Beschwichtigung« (engl.: appeasement) gegenüber Deutschland das Bild vieler Briten von den Deutschen. Die fixe Idee, die er von angeblich Jahrtausende alten, unveränderlichen Charaktereigenschaften der »Hunnen« als kriegslüsternes Volk — er beschrieb es als »brazen horde«(81) und »butcher bird« (82) unter den friedliebenden Nationen — hatte, war im gleichen Maß rassistisch wie das Charakterbild der Juden, das die Nationalsozialisten immer propagierten. Gleich alle Übel dieser Welt führte Vansittart auf die verworfenen Deutschen zurück und sah einen dauerhaften Frieden einzig und allein durch eine Beseitigung der Bedrohung durch die Teutonen als möglich an. Diese Hasspropaganda »verkaufte« die BBC auch noch als seriöse Meinung, indem sie Vansittart stets mit seiner Amtsbezeichnung »Chief Diplomatie Adviser to His Majesty’s Government«(83) nannte. Als solcher durfte er - trotz der Bedeutungslosigkeit seines kleinen Postens im Machtgefüge - in einer sechsteiligen Sendung der BBC zwischen dem 28. November und dem 6. Dezember 1940 seine Geschichtsklitterungen als überaus »gründlicher Deutschlandkenner« präsentieren. Zu allem Überfluss konnte der selbsternannte »Praeceptor Britanniae« seine antideutsche Hetze 1941 auch noch als Buch (84) auf den Markt werfen. Und in der von ihm so heftig geschürten feindseligen Stimmung im Volk brachte es dieses Machwerk noch in demselben Jahr auf unglaubliche 14 Auflagen! Wiewohl diesem Agitator im britischen Unter- wie Oberhaus, in mehreren Gegenpublikationen sowie in der britischen Presse heftig widersprochen wurde, setzte sich Vansittart in der Diskussion über gute und böse Deutsche, Kriegsschuld des deutschen
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80 Dies war er als »Permanent Under-Secretary of State« - dt.: dauernder Unterstaatssekretär. Staatssekretariat ist z. B. im angelsächsischen Sprachraum die Bezeichnung für Außenministerium. Vansittarts Dienstvorgesetzter als Außenminister war - bis zu dessen Rückritt am 20. Februar 1938 - Anthony Eden (1897-1977). Übrigens war Eden nicht nur 1935-1938 britischer AuOenamtschef, sondern erneut 1940-1945 und 1951-1955. Dazu fungierte er 1955-1957 als Premierminister Großbritanniens.
81 Dt.: »unverschämte Horde«.
82 Dt.: »Raubwürger«.
83 Dt.: »diplomatischer Chefberater der Regierung Seiner Majestät«.
84 Robert Gilbert Vansittart, Black Record. Germans past and present, London 1941.
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Volkes und dessen Mitverantwortung für Kriegsverbrechen mit seiner vollkommen einseitigen Sichtweise mehr und mehr durch.(85)
Hinter alledem steckte in den Gedanken Vansittarts, Churchills und anderer britischer Einpeitscher nur »Preußen«. Und das musste bestraft werden, um das übrige Deutsche Reich davon abzubringen, sein Los mit dem Preußens zu verknüpfen. Daher stammte das gänzliche Desinteresse der Westmächte am verheerenden Schicksal des deutschen Ostens! (86) Zuerst in Großbritannien und dann auch in den USA gewann — je sicherer der alliierte Sieg wurde - die Idee einer Massenumsiedlung in Ostmitteleuropa immer mehr die Oberhand. Dies galt umso mehr, je deutlicher die Zerschlagung jenes so finsteren Preußens zum eigentlichen Kriegsziel erhoben wurde, das angeblich stets »den harten Kern« Deutschlands dargestellt hatte. Bei der »Entdeutschung« Ostdeutschlands war treibender Gedanke der Plan, wirklich alles Preußische auszutilgen. Mit der sehr wohl als Genozid zu bezeichnenden Totalvernichtung zweier neuer Stämme (Schlesier, Ostpreußen) durch Vertreibung und durch Deportation bzw. Verdrängung zweier zusätzlicher Neustämme (Brandenburger, Pommern) auf das westliche Ufer der Oder fand Preußens Tilgung von der Landkarte tatsächlich statt. Hierbei interessierte es weder die Briten noch die US-Amerikaner, dass in der historischen Realität - die ein gebildeter Mensch wie etwa Robert Vansittart eigentlich hätte kennen müssen — Preußen niemals ein »Bollwerk« des Nationalsozialismus war, sondern z. B. in der Zeit der Weimarer Republik vielmehr von eher »linken« Koalitionen — unter der Führung des SPD-Politikers Otto Braun (1872-1955) als Ministerpräsident (1920—1932) - regiert wurde.(87)
Es gab in einer lange vergangenen Zeit einmal eine Redewendung, nach der das alte Preußen 1871 seine Seele (an d.is Großkapital), 1918 seine Dynastie (die Hohenzollern)
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85 Trautmann, a.a.O. (Anm. 68), S. 45-47.
86 Vgl. dazu Andreas Hillgruber, Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums, Berlin 1986, S. 61.
87 Trautmann, a.a.O. (Anm. 68), S. 48 f.
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und 1945 weitgehend sein Land verloren habe. Dies trifft zu, und doch verzichteten die Sieger des Zweiten Weltkriegs nicht darauf, auch noch die Leiche Preußens durch das berüchtigte Alliierte Kontrollratsgesetz Nr. 46 vom 25. Februar 1947 zu liquidieren: »Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört. Geleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der Völker«, habe man den Staat Preußen »aufgelöst«(88). Noch in diesem letzten Schritt beriefen sich die alliierten Teufelsaustreiber auf die Fiktion Churchills, dass Preußen die Wurzel allen Übels verkörpere. Er, der heute als großer Staatsmann gefeiert und zu einer Lichtgestalt erhoben wird, hatte in seiner Unterhausrede vom 21. September 1943 gesagt, »Nazityrannei« und »preußischer Militarismus« seien »die Zwillingswurzeln all unserer Übel« (engl.: »the twin roots of all our evils«) (89).
In dieser aus heutiger Perspektive in der Tat verschwörungstheoretischen Sicht entzog erst die Vertreibung der Ostdeutschen aus ihrer preußischen Heimat und die Bodenreform — besser: Enteignung — durch die Kommunisten dieser angeblichen Verschwörung die Basis, die sie in der Gesellschaft gehabt hatte. Das zum Weltübel stilisierte Preußen wurde ausgetrieben. Somit ist die Vertreibung nicht nur genozidal geplant und ausgeführt, sondern auch in einer mystifizierenden Art und Weise legitimiert worden, die mit rationaler Politik nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Diese Vertreibung als Völkermord fand in Friedenszeiten statt und mit Wissen der Regierungen und Parlamente in London und Washington, ja sogar der Völker in Großbritannien und in den USA. Und hierbei schlug nur sehr, sehr wenigen Einzelpersonen — sie kamen zumeist aus dem kirchlichen Sektor — das Gewissen. Alle anderen überboten sich in einer unglaublichen Verrohung gegenseitig darin, keines zu zeigen. Dies schien opportun,
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88 Zitiert nach: ebenda, S. 49.
89 Zu finden bei: Hermann Fromm, Deutschland in der öffentlichen Kriegszieldiskussion Großbritanniens 1939-1945 (=Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Bd. 167), Frankfurt am Main / Bern 1982, S. 176.
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da die Deutschen ja jedes Recht darauf, als Menschen behandelt zu werden, verwirkt hatten - so die Sichtweise der Sieger.(90)
Ohne Zweifel waren die Motive der Rotarmisten — diese betrieben mit Hilfe polnischer Milizen Flucht, Vertreibung und Deportation so vieler Deutscher mit wahrhaft gnadenloser Rücksichtslosigkeit - anderer Natur. Zwar existierten auch in der sowjetischen Propaganda rassische Untertöne — wenn z. B. der bereits erwähnte Ilja Ehrenburg dazu aufforderte, »die deutsche Rasse zu vernichten«, den »Rassehochmut germanischer Frauen zu brechen«, Deutsche als »Untermenschen« zu traktieren, sie umzubringen, weil sie ja »keine Menschen« seien.(91) (Übrigens handelte man damit genauso, wie man dies den Deutschen vorwarf.) Aber im Allgemeinen war Rache das Hauptmotiv dafür, dass man auf sowjetischer Seite zu Mord, Brandschatzung, Plünderung usw. aufrief, um Vergeltung für das zu üben, was die deutsche Wehrmacht während des Krieges in der UdSSR getan habe. Auch die Befriedigung sexueller Gier war eine Ursache für die an den Tag gelegte Bestialität. Es soll nichts verharmlost werden, aber das sowjetische Unwesen trug primär den Charakter allgemeiner Verrohung in Kriegszeiten und war nur selten Ausdruck genozidaler Absichten.(92) In der Roten (also der sowjetischen) Armee gab es während des ganzen 2. Weltkriegs üblicherweise keine Urlaube, was ebenfalls zur Verrohung der Soldaten beitrug.
Zu einer Zeit, als Stalin noch in Stockholm über einen Sonderfrieden mit Deutschland verhandeln ließ, ließ sich der sowjetische Diktator in seinem Tagesbefehl vom 23. Februar 1942 wie folgt vernehmen:
»Manchmal wird, darüber geschwätzt, dass die Rote Armee das Ziel habe, das deutsche Volk auszurotten und den deutschen Staat zu vernichten. Das ist natürlich eine dumme Lüge und eine törichte Verleumdung der Roten Armee [...]. Es wäre lächerlich, die Hitler-Clique dem deutschen Volk,
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90 Trautmann, a.a.O. (Anm. 68), S. 50 f.
91 Zitiert bei: ebenda, S. 51.
92 Ebenda.
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dem deutschen Staat gleichzusetzen. Die Erfahrungen der Geschichte besagen, dass die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt. « (93)
Hier unterschied der »Woschd« (russisch für »Führer«) noch fein säuberlich zwischen Hitler und seiner »Clique« einerseits und dem deutschen Volk bzw. Staat andererseits, um hierdurch auf deutscher Seite eine Spaltung herbeizuführen, die ihm in die Hände gespielt hätte. Jedoch änderte sich bereits bald der offizielle sowjetische Kurs, und Stalin ließ seine publizistischen Hunde von der Kette. Das Buch mit dem sprechenden Titel »Die Schule des Hasses« aus der Feder von Michail Solochow (1905-1984) — am 23. Juni 1942 in mehreren sowjetrussischen Zeitungen abgedruckt (94) — bildete den Auftakt für die von der Obrigkeit ausgelöste Welle eines elementaren Deutschenhasses. In diesem Rahmen veröffentlichte der hier schon mehrere Male erwähnte Ilja Ehrenburg die wichtigsten seiner rund 3.000 [!] Aufrufe und Artikel aus der Zeit des Krieges in Buchform.(95)
Doch so, wie die vom Staat gelenkte Hasspropaganda einen genau datierbaren Beginn hatte, so hatte sie auch ein exakt datierbares Ende. Durch einen Leitartikel der Zeitung »Roter Stern« vom 9. Februar 1945, der die Exzesse der Roten Armee zum Gegenstand hatte, machte die Armeeführung den Versuch, im Interesse der abnehmenden Kampfkraft Disziplinierung zu üben, indem sie an die Ehre der Soldaten appellierte:
» Unsere Soldaten werden es nicht zulassen, dass so etwas geschieht, nicht aus Mitleid mit dem Feind, sondern aus dem Gefühl für ihre persönliche Würde. « (96)
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93 Josef Stalin, Tagesbefehl Nr. 55 an die Rote Armee, [Moskau,] 23. Februar 1942, in: Josef Stalin, Über den großen vaterländischen Krieg der Sowjetunion, (Ost-) Berlin П951, S. 43 ff, 50.
94 Eine spätere Ausgabe dieses Buches ist zusammen mit anderen Werken zu finden in: Michail Solochow, Sie kämpften für die Heimat. Ein Menschenschicksal. Die Schule des Hasses, (Ost-) Berlin 1980.
95 Ilja Ehrenburg, Der Krieg, 3 Bände, Moskau 1943.
96 Zitiert bei: Alexander Werth, Rußland im Krieg, Zürich 1965, S. 295.
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Weiter hieß es in dem Appell, es nütze nur dem Feind, wenn sowjetische Soldaten in blindem Zorn Fabriken zerstörten. Von diesem Moment an trat das Interesse an der Beute zum Zweck der Vergeltung in das Blickfeld. Als Ende März 1945 die sowjetischen Truppen an Oder und Neiße standen, erschien in der »Prawda«, dem Zentralorgan der KPdSU, ein von Josef Stalin persönlich angeordneter Artikel, der den Genossen Ilja Ehrenburg beschuldigte, dass er die Ausrottung propagiert habe. Überdies erinnerte dieser Artikel an Stalins Tagesbefehl vom 23. Februar 1942, wonach die Hitler kämen und gingen, das deutsche Volk aber immer bestehen bleibe.(97)
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